Los, Bäckermeister, gib mal deine Brötchen her zum Testen! Für umme natürlich …

von | Aug 11, 2019

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Gastbeitrag des Instituts für Strategie & Planung

www.strategieundplanung.de

Stellen Sie sich bitte vor: Da gibt es einen angesehenen Bäckermeister. Zu dem kommt irgendein Heini und sagt: „Ich hab gehört, du sollst tolle Brötchen haben. Ich will mir selbst ein Bild davon machen, also gib mal schnell her. Für umme natürlich.“

Was denken Sie: Wie wird der Bäckermeister reagieren?

Kaum vorstellbar, dass er die Früchte seiner Arbeit, das, wofür er lange gelernt, hart geschuftet und viel Zeit investiert hat und womit er heute mühevoll sein Geld verdient, dass er das einfach so rausrücken wird und sagt: „Hier, bitte schön.“ Erst recht nicht „für umme“. Oder?

Bei Bäckermeistern und Brötchen leuchtet uns das sofort ein. Und wir stellen uns automatisch auf die Seite des Bäckers: „Was für ein arroganter Blödmann, dieser Heini!“

Bei Architekten, die sich in vergleichbarer Situation genauso verhalten, reagiert man in Minden dagegen mit Kopfschütteln und Unverständnis: „Warum zeigen die ihre Pläne denn nicht einfach …?“

Strategieberater Edgar Wilkening

Edgar Wilkening lebt in Hamburg und Minden an der Weser. Als Strategie-Entwickler und Kommunikations-Experte bundesweit gefragt bei Marken und Unternehmen. Kopf des in Gründung befindlichen Instituts für Strategie & Planung.

E-Mail: ew@strategieundplanung.de

Drehen wir die Situation noch ein bisschen weiter: Es ist nicht irgendein Heini, der zum Bäcker kommt und Brötchen fordert – es ist ein stadtbekannter Politiker. Und er sagt auch nicht: „Ich will dein Brötchen testen.“ Sondern er sagt: „Bei einem anderen Bäcker habe ich Brötchen gekauft. Wenn deins besser ist, dann her damit, zeig’s mir – aber für umme natürlich.“

Wenn Architektin Astrid Engel einen besseren Vorschlag für das Rampenloch-Areal hat als das von der Stadt offiziell beauftragte (und mit viel Geld, viel Zeit, vielen Insights ausgestattete) Planungsbüro WoltersPartner aus Coesfeld, dann soll sie ihren Vorschlag doch auf den Tisch legen – her damit. „Für umme natürlich.“

So ungefähr lautet er: der inoffizielle Tenor, den man seit geraumer Zeit aus den politischen Ratsfraktionen unter der Hand hören kann.

Frage: Was stimmt ganz grundlegend nicht an diesem Tenor?

Antwort: Siehe Bäckermeister!

Da wird allen Ernstes erwartet, dass ein plausibles, tragfähiges, in sich stimmiges, womöglich sogar originelles und bei alledem natürlich wirtschaftliches Konzept auf den Tisch gelegt wird, in das viel Zeit, viel Arbeit, noch viel mehr Kompetenz und Know-how hineingeflossen ist und das nicht beim ersten Gegenwind in sich zusammenfällt – und dann soll es mal eben so, quasi nebenbei, ohne klare Rahmenbedingungen auf den Tisch gelegt werden?

Wer so denkt, bekommt nicht nur vom Bäckermeister den Stinkefinger gezeigt, sondern von jeglichem Profi – ganz gleich ob er nun materielle Produkte herstellt wie Brötchen, Autos oder Stühle, oder ob er geistige Produkte herstellt wie stadtplanerische, architektonische oder sonstwelche Konzepte.

Ich bin von Hamburg aus seit mehr als dreißig Jahren in der Kreativindustrie unterwegs und war auf nahezu allen Positionen und Ebenen tätig. Ich darf mir einbilden ganz gut zu wissen, wie die Bedingungen in dieser Branche sind, was die Menschen umtreibt, die dort professionell tätig sind, wie sie ticken und welche Ansprüche sie haben, um ihre hochkarätigen Leistungen zur Verfügung zu stellen.

Und das Verblüffende ist: Da unterscheiden sie sich gar nicht so sehr vom Bäckermeister. Man kann die Leistungen und Kompetenzen von professionellen Kreativen zum Beispiel schlichtweg für Geld einkaufen.

Oder, wenn man ihre Vorschläge in einen Wettbewerb stellen will gegen andere Vorschläge, klare Rahmenbedingungen für diesen Wettbewerb schaffen: Was ist das Anforderungsprofil? Was sind die Bewertungskriterien? Wie läuft der Wettbewerb ab? Wer entscheidet? Wann? Und was winkt am Ende als Lohn der Mühen?

Unter solchen Bedingungen würde sogar der Bäckermeister seine Brötchen eventuell „für umme“ hergeben. Beispiel DLG-Prämierung. Weil er dort klare Regeln erwarten kann, klare Kriterien, klare Abläufe, klare Ziele. Und dann im Vorfeld einschätzen kann, ob sich die Mühen für ihn lohnen oder nicht.

Wer keine professionellen Rahmenbedingungen schafft, für welche Art von Aufgabe auch immer, wird keine Profis an den Tisch bekommen. Dann bleiben die Amateure ganz unter sich am Tisch. Mit den entsprechenden Ergebnissen.

Denn der Bäckermeister hat Besseres zu tun, als sich irgendwelchen Heinis anzudienen, die seine Brötchen fordern. Architekten genauso.

Soll ich für irgendjemanden nochmal übersetzen, was all das fürs Thema Rampenloch bedeutet? Oder schaffen Sie den Transfer selbst? Sonst lassen Sie es mich bitte wissen. Ich helfe ja, wo ich kann …

Edgar Wilkening

"Ich hasse es, wenn Unternehmen ohne Not unter ihren Möglichkeiten bleiben."

Vielfach ausgezeichneter Strategieentwickler und Kampagnenberater.

Vertritt vehement die Auffassung, dass sich in keiner anderen Projektphase so viel Geld sparen und so viel Potenzial heben lässt wie in der Konzept- und Planungsphase – vorausgesetzt, man unterlässt die weit verbreiteten Stammtisch- und Kaffeekränzchen-Fehler.