Gegenvorschlag, Stadt Minden! So geht Konzeptvergabe richtig am Rampenloch

von | Nov 2, 2019

Kriterien-Katalog der Stadt Minden zur Konzeptvergabe der Grundstücke am Rampenloch – inklusive eingebauter Totalschaden-Logik. Anklicken zum Vergrößern.

Das war ja wohl ein Schuss in den Ofen, liebe Stadt Minden: das mit den Kriterien zur Konzeptvergabe fürs Areal am Rampenloch.

Der haarsträubende Fehler darin: dass ein Konzept, das selbst Du für nicht plausibel und nicht umsetzbar hältst, von Dir immer noch stattliche achtzig von einhundert möglichen Punkten bekommen kann. Und so womöglich als Sieger vor deutlich besseren, weil plausiblen und umsetzbaren Konzepten aus dem Wettbewerb gehen könnte. Wir sprachen hier sehr explizit darüber.

Na schön, jeder kann mal Mist bauen, Schwamm drüber – würden wir gerne sagen. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Denn der Kriterienkatalog, den Du am 22. Oktober 2019 öffentlich im BÜZ vorgestellt hast, ist ein von der Verwaltung entwickelter Vorschlag an die Mindener Stadtverordneten. Bei nächster Gelegenheit sollen die über genau diesen Quatsch abstimmen und ihn so zum ultimativen politischen Maßstab machen – trotz eingebauten Totalschaden-Risikos.

So wie wir die Stadtverordneten erlebt haben, als sie bei der Versammlung am 28. Februar 2019 pflichtbewusst Deiner Empfehlung folgten und mit 45 Ja-Stimmen für Deine gesichtslose, geschichtslose „Vorzugsvariante“ am Rampenloch votierten, muss man damit rechnen, dass die braven Stadtsoldaten auch diesen schwachsinnigen Kriterienkatalog artig durchwinken.

Damit das nicht passiert, ist es gut, liebe Stadt Minden, wenn Du umsichtige und vorausschauende Bürger hast, die gerne helfen, wenn’s drauf ankommt. Und Dir zeigen, wie das Instrument „Konzeptvergabe“ richtig genutzt wird.

Auf geht’s: in vier Schritten raus aus dem Totalschaden-Risiko – hin zu einem sinnvollen und nützlichen Bewertungs-Werkzeug für das Rampenloch.

Edgar Wilkening vom Institut für Strategie & Planung

Edgar Wilkening lebt in Hamburg und Minden an der Weser. Leiter des Instituts für Strategie & Planung.

Ist der festen Überzeugung, dass sich in keiner anderen Projektphase so viel Geld sparen und so viel Potenzial heben lässt wie in der Konzept- und Planungsphase. Vorausgesetzt, man begeht nicht die allgemein verbreiteten Stammtisch- und Kaffeekränzchen-Fehler …

Schreiben Sie Edgar Wilkening eine E-Mail: ew@strategieundplanung.de

Empfehlenswerte Hintergrund-Lektüre – insbesondere für Stadtplaner, Ratsmitglieder und Bau-Fachausschüsse, die gerne genauso gut informiert sein wollen wie ihre Bürger.

Zwanzigseitiger Leitfaden „Orientierungshilfe zur Vergabe öffentlicher Grundstücke nach Konzeptqualität“.

Herausgegeben von der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Städtetag.

Hier geht’s zur Seite mit dem kostenlosen Download des Leitfadens als PDF-Datei.

#01
Weg mit dem fatalen Selbstzerstörungs-Mechanismus!

Infografik, die den fatalen Konzeptvergabe-Fehler der Stadt Minden illustriert

„Dumm und reich gewinnt gegen klug und nützlich.“ Diese Grafik illustriert den fatalen Fehler im Kriterienkatalog der Stadt Minden beim Konzeptvergabe-Verfahren am Rampenloch. Zum Vergrössern anklicken.

Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind: Die Tabelle hier unten zeigt den Stand der Dinge, wie ihn sich die Stadtverwaltung Minden ausgedacht und in der öffentlichen Veranstaltung am 22. Oktober 2019 im BÜZ präsentiert hat.

Nach diesen Kriterien und anhand der entsprechenden Gewichtung will die Stadt über Konzepte befinden, die ihr für das Areal am Mindener Rampenloch vorgelegt werden.

Darin enthalten in der letzten Tabellenzeile: der fatale Selbstzerstörungs-Mechanismus, der Millionengräbern Vorschub leistet.

Dass Plausibilität und Umsetzbarkeit von Konzepten keine essentielle Grundvoraussetzung sind, um überhaupt betrachtet zu werden, sondern nur ein Faktor unter vielen –  und mit zwanzig Prozentpunkten dann auch noch der am geringsten gewichtete – absurd! Wir sprachen hier ausführlich darüber.

Deshalb der erste Schritt der Quartierplaner zur Verbesserung des Kriterienkatalogs: Die Stadt vor sich selbst schützen – und den eingebauten Selbstzerstörungs-Mechanismus entfernen.

Plausibilität und Umsetzbarkeit sind ab sofort keine „nice to have“-Faktoren mehr, die mit zwanzig Prozent gewichtet werden. Plausibilität und Umsetzbarkeit sind ab sofort Hundert-Prozent-Faktor: unabdingbare Grund-Voraussetzung für Konzepte, um überhaupt weiter betrachtet zu werden.

Damit hätten wir die Stadt Minden schon mal vor dem Risiko eines Totalschadens bei ihren Projekten gerettet. Uff, da fällt manchem ein Stein vom Herzen, nicht nur dem Kämmerer. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Und bei der Gelegenheit streichen wir gleich auch mal die Prozentzahlen in der Spalte „Wichtung/Anteil“. Punkte verteilen, das machen wir ganz zum Schluss.

Nur die Gewichtung des Kaufpreisgebots für das Grundstück mit dreißig von hundert Prozentpunkten – das wurde ordentlich gemacht von der Stadt, das übernehmen wir so. Damit sieht unsere Tabelle jetzt folgendermaßen aus:

#02
Leute, kommt und schaut auf diesen Ort!

Grafik mit Planung "Vorzugsvariante" der Stadt Minden am Rampenloch

Vier Häuschen im Grünen, „ein Äffchen und ein Pferd, die schauen da zum Fenster raus“: So hübsch haben die Planer von WoltersPartner, Coesfeld der Stadt Minden die Zukunft des Rampenlochs ausgemalt. Zum Vergrössern anklicken.

Familienwohnen im Puff-Quartier: Die Stadt ist wild entschlossen, am Rampenloch Wohnraum für Familien zu schaffen. Das haben sich die externen Berater aus Coesfeld für viel Geld ausgedacht; das entspricht der sogenannten „Vorzugsvariante“, die die Stadtverwaltung präsentiert hat; das hat der Ausschuss für Bauen, Umwelt und Verkehr für gut und richtig befunden; und das haben die braven Stadtsoldaten aller Parteien in der Stadtverordnetenversammlung am 28. Februar 2019 politisch abgesegnet.

Es sind Häuser für vier Familien vorgesehen. Bei einem Quadratmeter-Preis von über 600 Euro allein für das Bauland werden die sprichwörtliche Hagemeyer-Verkäuferin und der angestellte Busfahrer mit ihren Kindern dort wohl eher nicht wohnen. Es werden Luxus-Wohnungen entstehen, die sich nur Topverdiener werden leisten können. Dass ausgerechnet die SPD diesen Luxus-Plan lautstark befürwortet – geschenkt …

Werfen wir stattdessen kurz mal einen Blick in die Zukunft, wie das Rampenloch dann aussehen wird: Es parken da drei, vier SUVs für Helikopter-Mamis, die ihre Kids hin- und herkutschieren, ab und an trägt wer seine Lidl- oder Wez-Tüten ins Haus, und manchmal kommt der DHL-Bote mit einem Paket von Amazon um die Ecke. Das war’s. Öffentliches Leben? Null. Tote Hose.

Und das an einem so zentralen Ort der Mindener Innenstadt? An einem so geschichtsträchtigen und in mehrfacher Hinsicht denkmalgeschützten Ort? An einem Ort, der allen Menschen gehören sollte und Einwohnern wie Gästen von der Entwicklung der Stadt erzählen könnte?

Die Quartierplaner haben eine klare Meinung dazu: Das Rampenloch sollte ein Ort sein, der allen Menschen offen steht, der alle Menschen einlädt, Mindener ebenso wie ihre Gäste – nicht nur vier Besserverdiener-Familien, die es sich dort gemütlich machen.

Wir wollen junge Menschen auf der Straße sehen! Wir wollen Aufenthaltsqualität am Rampenloch! Wir wollen Leben sehen auf dem historischen Kopfsteinpflaster! Wir wollen Zukunft spüren in den alten Gemäuern! Wir wollen, dass tagsüber Menschen durch die Straße schlendern – keine piekfeine Idylle, gruselig tot wie aus irgendeiner x-beliebigen Vorstadt.

Das Rampenloch soll ein Ort werden, der Sinn stiftet und Nutzen schafft für die ganze Stadt: für ihr Ansehen draußen in der Welt, für ihr Selbstverständnis bei den Menschen, für ihre gemeinsame Zukunft.

Ein gesamtöffentlicher Nutzen – nicht nur für vier Familien, sondern für alle Mindener: Wir halten das für so bedeutsam am Rampenloch, dass wir die freigewordene Zeile in der Tabelle genau dafür nutzen. Ja, man könnte das womöglich auch unter „städtebaulicher Qualität“ abhaken. Aber uns käme der Aspekt dort zu kurz und würde womöglich zwischen anderen Punkten verlorengehen. Um das zu vermeiden, heben wir ihn ausdrücklich hervor und betonen ihn deutlich.

#03
Her mit dem Hauch der Historie!

Am Rampenloch wurde Geschichte geschrieben. Hier hat erstmals ein Staat Rotlicht-Gewerbe reguliert. Regelmäßige medizinische Untersuchungen, alle paar Wochen, um das Ausbreiten von Krankheiten zu verhindern.

Mancher mag heute lachen darüber – aber Anfang des 19. Jahrhunderts, in einer Zeit preußischer Prüderie, zeigte sich der Staat Preußen an dieser Stelle sehr weltläufig, umsichtig, vorausschauend und pragmatisch.

Das Rampenloch war damit ein Ort der Innovation – und die Stadt Minden ihrer Zeit weit voraus.

Initiator Ernst Michael von Schwichow, Generalmajor der Preußischen Armee und Festungskommandant, hat mit dieser weiß Gott nicht populären Maßnahme in einem Umfang Verantwortungsbewusstsein bewiesen für das Gemeinwohl, für seine Soldaten, aber auch für die Bürger der Stadt, wie wir es heute kaum noch kennen von Verantwortlichen. Welche unpopulären, aber wegweisenden Maßnahmen müssten Politiker heutzutage ergreifen – trauen sich aber nicht?

Und womöglich erzählt genau diese Geschichte mehr über den Staat Preußen, seine Denkweise und Prinzipien, als Dutzende von Pickelhauben in einer verstaubten Museumshalle.

Diese Historie macht das Rampenloch einzigartig in Deutschland, in Europa, wahrscheinlich weltweit. Eines der wertvollen, weil extrem seltenen Alleinstellungsmerkmale, nach denen sich Stadtmarketing-Profis die Finger lecken – vergleichbar mit dem Rattenfänger von Hameln.

So etwas darf eine Stadt bei einer Neubeplanung nicht einfach untergehen lassen, nicht einfach verbuddeln!

Für leidenschaftliche Quartierplaner liegt deshalb auf der Hand: Sinnvolle Konzepte zur Neunutzung des Rampenlochs müssen dieses historische Narrativ aufgreifen und weiterspinnen. Deshalb erweitern wir die Tabelle um eine neue Zeile, die wir dem Thema Historie widmen.

#04
Gewicht für alles, was Gewicht verdient an diesem Ort

Und jetzt die Punkte, bitte! Dreißig Prozent für das Kaufpreisgebot halten wir für vollkommen angemessen. Aber das Handlungskonzept Wohnen? Ausgerechnet an diesem bedeutsamen Ort? Mit dieser Historie, diesen Chancen?

Wohnraum ist wichtig. Und zusätzlichen Wohnraum schaffen wichtiger denn je. Aber bitte dort, wo Wohnraum die beste Lösung ist: auf geschichtslosen Flächen.

Am Rampenloch bieten sich bessere Lösungen an als Luxuswohnen für vier Familien. Deshalb gewichten wir das Handlungskonzept Wohnen für dieses Areal deutlich geringer, nämlich mit lediglich zehn Prozent.

Die verbleibenden sechzig Prozentpunkte verteilen sich dann gleichmäßig auf die übrigen Kategorien: jeweils mit zwanzig Prozent.

Damit sind endlich alle wichtigen Faktoren für eine sinnvolle Konzeptvergabe der Grundstücke am Rampenloch gewürdigt. Die Stadt ist vor dem Totalcrash-Risiko gerettet.

Wer ein Konzept vorlegt, das nach diesen Kriterien im Achtziger- oder sogar Neunziger-Bereich landet, wird dem Rampenloch eine blühende Zukunft bescheren, in der es für alle Mindener und die gesamte Stadt Minden Nutzen und Sinn stiftet.

Der offizielle Gegenvorschlag der Quartierplaner, den wir hiermit der Verwaltung und den Stadtverordneten zum Beschluss empfehlen.

Nichts zu danken, liebe Stadt Minden – gern geschehen.

Edgar Wilkening

"Andere sehen das anders. Aber der Weg ist immer nur der Weg. Das Ziel ist das Ziel. Alles andere ist Murks."

Vielfach ausgezeichneter Strategieentwickler und Kampagnenberater.

Vertritt vehement die Auffassung, dass sich in keiner anderen Projektphase so viel Ressourcen sparen und so viel Potenzial heben lässt wie in der Konzept- und Planungsphase – vorausgesetzt, man unterlässt die weit verbreiteten Stammtisch- und Kaffeekränzchen-Fehler.