Praxisfall: Wie entfremdet ist Mindens Politik mittlerweile von den Menschen?

von | Nov 26, 2019

Politiker, die völlig  abgehoben agieren und jeden Bezug zu den Bürgern verloren haben: ein gängiges Klischee, das auf Bundesebene vielleicht zutreffen mag, da in Berlin, der fernen Hauptstadt. Aber doch nicht in der Kommunalpolitik, oder? Doch nicht in Minden – wo man Bürgermeister und Stadträte noch persönlich kennt und beim Bäcker trifft?

Unversehens fällt uns da ein Praxisfall vor die Füße. Und der zeigt ganz konkret, wie sehr Berliner Benehmen längst auch im beschaulichen Minden Einzug gehalten hat.

Am Samstag, den 23. November 2019 veröffentlicht das Mindener Tageblatt einen Bericht über das Rampenloch. Und wie sich das in Zeiten von social media gehört, wird der Artikel auch über Facebook promotet. Tenor: „Die Stadt sucht Ideen fürs Rampenloch.“

Bemerkenswert, was daraufhin passiert! Eine ganze Welle von Ideen und Vorschlägen brandet herein. Und KEINER dieser Vorschläge kommt auch nur in die Nähe dessen, was sich Verwaltung und Politik für das Rampenloch ausgedacht haben.

Bürgernähe? Wählerauftrag? Den Leuten zuhören? Pustekuchen!

Mehr noch: Alle Ideen und Vorschläge, die Menschen auf Facebook posten, repräsentieren das glatte GEGENTEIL dessen, was Stadtrat, Ausschüsse und Verwaltung bislang planen. Eine schallende Ohrfeige für Politik und Stadtentwickler.

Klingt unglaublich? Hier kommt der Beweis.

Edgar Wilkening vom Institut für Strategie & Planung

Edgar Wilkening lebt in Hamburg und Minden an der Weser. Leiter des Instituts für Strategie & Planung.

Hält Empathie, Stringenz und Umsicht für elementare Grundvoraussetzungen bei der Entwicklung erfolgreicher Projekte – gerade auch im politischen Bereich.

Schreiben Sie Edgar Wilkening eine E-Mail: ew@strategieundplanung.de

Alle gezeigten Screenshots stammen von facebook.com aus dem Channel des Mindener Tageblatts, Stand 25. November 2019 (hier erreichbar) und dienen hier als Beleg ausschließlich dokumentarischen Zwecken. Alle Namen und Profilbilder aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht. Alle Rechte bei den jeweiligen Urhebern bzw. Rechteinhabern.

Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch

Der Begleittext des Mindener Tageblatt auf Facebook ist irreführend. Klingt ein bisschen nach offenem Ideenwettbewerb. Als könne jeder einfach mal einen raushauen – ohne jede Vorgaben. Entsprechend offen und aufrichtig fallen die Kommentare dann auch aus.

Die Wahrheit ist allerdings, dass die Stadt gerade keinen offenen Ideenwettbewerb einleitet, sondern durchaus Vorgaben machtleider sehr falsche.

Na gut – für unseren Praxisfall hier sogar besser, dass es nach offenem Wettbewerb klingt. Hören wir mal, was Mindener sich wünschen und was ihnen einfällt.

Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch

Künstlerviertel, schlägt ein Top-Fan vor. Und erntet viel Zustimmung dafür. Da weht ein Hauch Montmartre durch die Luft: kreatives Treiben auf der Straße und im Umfeld.

Und wer könnte sich das nicht vorstellen: übers historische Kopfsteinpflaster schlendern (das übrigens unter Denkmalschutz steht und deshalb ohnehin erhalten werden muss), vorbei an pittoresken, kleinteiligen Gebäuden, modernen Kreativen bei ihrem Werk zusehen, in einem Café am Straßenrand sitzen, dem bunten Treiben zuschauen …

Und das Ganze dann „touristisch auch noch nutzen“, wie der Top-Fan weiter ausführt. Dass das Rampenloch das Potenzial dazu mitbringt, hatten wir an dieser Stelle schon sehr deutlich aus strategischer Sicht erläutert.

Ähnlich buntes, vielfältiges Treiben in der Gasse und den Häusern malt sich auch der nächste Kommentar aus.

Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch
Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch

Das Rampenloch als historischer Ort. Auch das schwingt in vielen Kommentaren immer wieder mit: dass das besondere Narrativ dieser Straße nicht ausgelöscht werden darf bei der künftigen Entwicklung des Areals. Sondern sich wiederfinden muss in Architektur und Nutzung.

In den aktuellen Plänen der Stadt spielt das Thema historisches Narrativ keine Rolle. Da wird allenfalls dem Denkmalschutz Rechnung getragen. Aber auch nur, soweit es sich wirklich nicht vermeiden lässt.

Dass diese Straße eine Geschichte zu erzählen hat und womöglich mehr zu berichten weiß über die Modernität des Staates Preußen als Hunderte von Pickelhauben in einem verstaubten Museum – für die Gremien der Stadt vollkommen bedeutungslos.

Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch

Was sich wie ein roter Faden durch die Kommentare zieht: der Wunsch nach Leben auf der Straße, nach Menschen, nach buntem Treiben.

Ob nun Irish Pub, Szenebar, Künstlerviertel oder kleine Cafés – was all diesen Vorschlägen gemein ist: Sie wünschen sich öffentliches Leben auf dem historischen Pflaster und in den Gemäuern.

Das Rampenloch als Ort, der allen Mindenern und Gästen der Stadt offen steht. Der sie einlädt, der Sinn stiftet – und der vor allem öffentliche Aufenthaltsqualität bietet.

Suchen Sie diesen Aspekt mal in den Vergabekriterien der Stadt für das Rampenloch! Fehlt genauso wie das Thema historisches Narrativ. Stadtplanerisch ein echtes Armutszeugnis.

Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch
Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch

Kluger Kommentar von diesem Top-Fan, der ebenfalls auf die besondere historische Bedeutung des Ortes verweist.

Den Tipp „mal einlesen in die Mindener Stadtgeschichte“ hätte man allen beteiligten Stadtplanern und Ratsmitgliedern gerne gegeben. Aber hören die überhaupt noch auf ihre Bürger? Schauen wir mal weiter …

Screenshot Facebook Kommentar zum Rampenloch

Jungen Unternehmen und Start-ups Raum geben: Auch darin spiegelt sich der Wunsch wieder nach Kombination von Alt und Jung, von Vergangenheit und Zukunft. All das, was uns immer wieder fasziniert an historischen Quartieren anderer Städte, die erfüllt sind von modernem Leben.

… und das ist nur eine kleine Auswahl an Vorschlägen. Und heute auch schon wieder ein paar Tage alt. Schauen Sie einfach mal direkt auf Facebook beim Mindener Tageblatt nach, wie jetzt der aktuelle Stand des Thread ist.

Fazit: Zum Fremdschämen!
Eine schallende Ohrfeige für Mindens Stadtpolitik

Man mag von all den Ideen im Einzelfall halten, was immer man will. Und natürlich sind die Vorschläge nicht „zu Ende gedacht“ oder „durchentwickelt“, geschweige denn „gegengerechnet“.

Sie sind ein Stimmungsbild. Eine Momentaufnahme. Und die zeigt, wie sich das Rampenloch künftig anfühlen soll: lebendig, kreativ, einladend, quirlig, bunt. Und immer wieder: mit Menschen auf der Straße! Mit öffentlicher Aufenthaltsqualität!

Frappierend daran: Das, was die Stadt für das Rampenloch plant, nämlich Wohnen für vier Familien oder begüterte Studenten – genau das taucht nicht ein einziges Mal in einem der Kommentare auf. Das Bild von ein paar Familien, die nur dann auf der Straße sind, wenn sie zur Arbeit fahren oder ihre WEZ-Tüten ins Haus schleppen – genau dieses Bild malt keiner der Kommentatoren auf Facebook.

Weiter als hier könnten die Wünsche der Menschen einerseits und die Pläne der Politiker andererseits kaum auseinander liegen. Wer hat da die Bodenhaftung verloren? Wer hört nicht mehr zu? Wer agiert abgehoben von der Realität?

Die Facebook-Kommentare haben vollkommen recht: Das Rampenloch ist ein historisch bedeutsamer Standort und eine stadtplanerische Chance  – viel zu wertvoll, um es nur ein paar wenigen Familien zu überlassen.

Die Pläne der Stadt für das Rampenloch sind falsch. Der Kriterienkatalog, den die Stadt entwickelt hat, ist falsch. Und damit ist jeder falsch, der die aktuelle städtische Vorgehensweise als richtig einordnet – wie neulich erst der Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Minden.

Das kluge stadtplanerische Werkzeug Konzeptvergabe wird von Verwaltung und Politik am Rampenloch unklug eingesetzt. Der Kriterienkatalog gehört dringend grundsaniert.

Ein qualifizierter Gegenvorschlag für ein besseres Konzeptvergabe-Verfahren und klügere Kriterien, die sowohl das historische Narrativ des Rampenlochs als auch den Wunsch nach öffentlicher Aufenthaltsqualität würdigen, liegt längst für jedermann öffentlich einsehbar vor.

Dumm und reich gewinnt gegen klug und nützlich?

Das Konzeptvergabe-Verfahren ist ein erstklassiges stadtplanerisches Werkzeug. Vorausgesetzt, man wendet es richtig an. Diese Grafik verrät den fatalen Fehler der Stadt Minden bei der Konzeptvergabe.

Um Gottes Willen, holen Sie sich professionelle Hilfe!

500 Euro pro Quadratmeter allein für Grund und Boden – ohne Baukosten: Wie soll da bezahlbarer Wohnraum für Familien entstehen? Die Antwort darauf bleiben selbst diejenigen schuldig, die diese irrwitzige Idee vehement befürworten.

Gegenvorschlag, Stadt Minden! So geht Konzeptvergabe richtig

Einen Fehler zu machen, ist nicht schlimm. Aber einen Fehler zu machen und ihn nicht zu korrigieren, selbst wenn man darauf hingewiesen wird: Das würde ja an Dummheit oder Arroganz grenzen …

Edgar Wilkening

"Andere sehen das anders. Aber der Weg ist immer nur der Weg. Das Ziel ist das Ziel. Der Rest ist nur Gedöns."

Vielfach ausgezeichneter Strategieentwickler und Kampagnenberater.

Vertritt vehement die Auffassung, dass sich in keiner anderen Projektphase so viel Ressourcen sparen und so viel Potenzial heben lässt wie in der Konzept- und Planungsphase – vorausgesetzt, man unterlässt die weit verbreiteten Stammtisch- und Kaffeekränzchen-Fehler.