Pech fürs Rampenloch: Stadtplanerischer Kollateralschaden in Mindens Oberer Altstadt

von | Okt 25, 2019

Der SPD Ortsverein Minden hatte für Dienstag, den 22. Oktober 2019 zu einer öffentlichen Mitgliederversammlung ins Kulturzentrum BÜZ am Johanniskirchhof eingeladen.

Kern der Veranstaltung war ein Vortrag von Herrn Lars Bursian, Beigeordneter Städtebau und Feuerschutz der Stadt Minden. Er präsentierte ein Konzept zur Entwicklung der Oberen Altstadt Mindens mit besonderem Blick auf das Rampenloch.

Nein, gesagt wurde es nicht explizit, aber was der Hörende zu erkennen vermochte, war deutlich: Das Rampenloch hat einfach nur Pech gehabt. Ein stadtplanerischer Kollateralschaden.

Denn das Rampenloch-Areal wird von der Stadt Minden als Hebel eingesetzt, um ganz andere stadtplanerische Ziele zu verfolgen. Auf Petitessen wie „historisch bedeutsam“, „weltweit einzigartig“ oder „einmalige Chance“ kann da keine Rücksicht genommen werden.

Hätte man ein weniger bedeutsames Areal zur Verfügung, um es als Hebel einzusetzen: Dem Rampenloch würde viel Schaden, viel Schande erspart bleiben. So ist es einfach nur: zur falschen Zeit am falschen Ort. Pech gehabt.

Edgar Wilkening vom Institut für Strategie & Planung

Edgar Wilkening lebt in Hamburg und Minden an der Weser.

Leiter des Instituts für Strategie & Planung mit Fokus auf Innovationsmanagement und Markenprofilierung.

E-Mail: ew@strategieundplanung.de

Warum dieser unbedingte Wille zum gesichtslosen, geschichtslosen Familienwohnen an so geschichtsträchtigem Standort?

Die Frage hatte sich ja schon lange gestellt: Warum geht die Stadt Minden so bemerkenswert phlegmatisch mit ihrem historischen Erbe am Rampenloch um?

Warum zeigt sie sich so außergewöhnlich desinteressiert am einzigartigen Narrativ, das sich dort bietet? Warum dieser unbedingte Wille zum gesichtslosen, geschichtslosen Familienwohnen ausgerechnet an so geschichtsträchtigem Standort?

Inkompetenz der beteiligten Planer? Ahnungslosigkeit der politisch Verantwortlichen? Scheißegal-Haltung der Entscheider?

Mögliche Antworten darauf wurden viel diskutiert. Auf dieser Webseite hier in diversen Beiträgen. Aber auch in der Mindener Bürgerschaft, insbesondere bei jenen, die in der Oberen Altstadt leben – und natürlich auch im Mindener Tageblatt.

Was also ist der Grund, dass die Stadt sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, eine so herausragende Chance wie am Rampenloch für sich zu nutzen?

Die tatsächliche Antwort konnte jetzt vernehmen, wer dem Beigeordneten Lars Bursian bei seinem Vortrag im BÜZ vergangenen Montag genau zuhörte.

„Als Stadt hat man eine verdammt schlechte Verhandlungsposition manchmal mit manchen Nachbarn, wenn man da hinkommt und verhandeln möchte.“

Lars Bursian, Beigeordneter Städtebau und Feuerschutz der Stadt Minden, während der öffentlichen Mitgliederversammlung des SPD Ortsverein Minden am 22. Oktober 2019 im BÜZ

So die Antwort auf Nachfrage eines Zuhörers. Und sie sagt schon sehr genau, um was es ging, als die Stadt Minden das Rampenloch-Areal im Zwischenerwerb übernahm.

Nicht etwa um Wahrung eines historischen Erbes. Nicht um visionäre Entwicklung eines innerstädtischen Areals. Nicht um ein außergewöhnliches Narrativ oder ähnliches Gedöns …

Es ging schlicht und einfach um: Verhandlungsmasse.

Aber wofür? Welche Verhandlungen denn? Auch darauf gab es Antworten. Auch da musste man nur genau genug hinhören.

Für mich geht es wirklich ganz stark um diese zum Parken genutzten Grundstücke (an der Greisenbruchstraße und am Königswall / Anmerkung des Autors). Ich finde, das kann einfach nicht richtig sein, dass wir an dieser Stelle, an so einer zentralen Stelle in der Innenstadt (…) so einen hohlen Zahn stehen haben, so einen aufgebrochenen Stadtraum – wo man sich eigentlich was viel Besseres vorstellen kann. Denn das, was wir wollen, ist eigentlich eine Bebauung.“

Lars Bursian, Beigeordneter Städtebau und Feuerschutz der Stadt Minden, während der öffentlichen Mitgliederversammlung des SPD Ortsverein Minden am 22. Oktober 2019 im BÜZ

Die beiden Brachen in der Oberen Altstadt, die am Königswall und an der Greisenbruchstraße aktuell als Parkflächen dienen, sind der Stadt – und sicher auch den Bürgern – schon lange ein Dorn im Auge.

Der legendäre „Hamburger Hof“, er war eines der Gebäude auf diesen Flächen, ehe das Gebäude nach einem Brand im angrenzenden Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Jetzt also Auto-Abstellplatz. Schön ist was anderes.

Vollkommen verständlich: Solche Brachen sind ein Stich ins Herz eines jeden Stadtentwicklers

Man kann nachempfinden: Brachen wie diese sind ein Stich ins Herz eines jeden Stadtentwicklers. Aus ästhetischer Sicht, natürlich. Aus stadtplanerischer Sicht, sowieso.

Aber eben auch, weil solche Flächen sich massiv auf das nähere und weitere Umfeld auswirken. Allgemeiner Verfall setzt sich fort, frisst sich ins Quartier. Und womöglich immer weiter. Broken window.

Deshalb muss es bei der angestrebten Entwicklung der Oberen Altstadt vorderstes Ziel sein, diese Flächen umzunutzen: weg vom Abstellplatz – hin zu einer sinnvollen Bebauung und Nutzung.

Andererseits: Was soll man manchmal machen bei solchen Flächen, bei solchen Eigentümern …?

„Es sind nun mal private Grundstücke. Und ich kann niemanden zwingen, ein Grundstück zu bebauen. (…)  Manchmal würden wir so was gerne haben: dass jemand irgendwo was machen muss. (…) Aber wir können niemanden zwingen, leider nicht.“

Lars Bursian, Beigeordneter Städtebau und Feuerschutz der Stadt Minden, während der öffentlichen Mitgliederversammlung des SPD Ortsverein Minden am 22. Oktober 2019 im BÜZ

Wem die betreffenden Grundstücke gehören, ist allgemein stadtbekannt. Die entsprechenden Namen fielen auch während der Veranstaltung im BÜZ. Privatleute, die sich diese Flächen irgendwann im städtischen Monopoly zugelegt haben und es offenbar nicht nötig haben, sie zu verwerten, sei es durch Bebauen, sei es durch Veräußern.

Als Grundstücksinvestor hat man ja einen langen Horizont: manchmal Jahre, manchmal Jahrzehnte, manchmal Generationen.

Man verhandelt nicht auf Augenhöhe als Kommune – man steht als Bittsteller da

Da beißt man sich, auch als Kommune, die Zähne aus, wenn man etwas bewirken will. Wenn man bestimmte Ziele verfolgt. Wenn man hässliche Baulücken-Parkplätze in attraktive Bebauung verwandeln möchte. Dann kommt der Satz oben zum Tragen: Man hat als Stadt manchmal eine echt miese Verhandlungsposition.

Denn man verhandelt eigentlich gar nicht, jedenfalls nicht auf Augenhöhe, sondern steht eher als Bittsteller da. Man hat kein Instrument in der Hand, um Druck auszuüben oder Verlockungen zu machen, um die betreffenden Eigentümer zum Umdenken zu bewegen. Man kann nur bitten, betteln, beten. Mehr nicht.

„Wir haben vorher mit den Nachbarn verhandelt und Gespräche geführt. (…) Das war so schwierig da weiterzukommen, glauben Sie mir.“

Lars Bursian, Beigeordneter Städtebau und Feuerschutz der Stadt Minden, während der öffentlichen Mitgliederversammlung des SPD Ortsverein Minden am 22. Oktober 2019 im BÜZ

Und dann – etwa 2017/2018 herum – passiert plötzlich etwas, das mit einem Mal alles verändert: Das Rampenloch-Areal steht zum Verkauf.

Der damalige Eigentümer will sich von Gelände und Gebäuden trennen. Der Rotlichtbetrieb rechnet sich nicht mehr. Der Sanierungsstau für die Gebäude würde hohe Summen verschlingen. Also entscheidet der Eigentümer: weg mit dem Krempel.

Plötzlich kommt eine Fläche von gut 1.300 Quadratmetern in sehr guter Innenstadtlage auf den Markt. Die Stadt kriegt das mit. Und jetzt beginnt der Teil der Geschichte, der vermutlich noch niemals irgendwo öffentlich erzählt oder niedergeschrieben wurde – sich aber vollkommen stringent ergibt.

Ein erfahrener Stadtentwickler und geschickter Verhandlungsführer wittert die Chance für die Stadt Minden: Wenn wir ein Areal in solcher Größe und so räumlicher Nähe zu den Brachflächen der zwei Parkplatz-Eigentümer in der Hand haben – dann sind wir plötzlich nicht mehr mittellos.

Dann stehen wir nicht mehr mit leeren Händen da.

Mit dem Rampenloch hat man endlich einen Hebel in der Hand, den man in Verhandlungen einsetzen kann

Dann müssen wir nicht mehr bitten und betteln, sondern haben ganz andere Möglichkeiten. Wir können anbieten, wir können auch locken: ‚Gib du mir was, geb ich dir was. Errichtest du was auf dem Parkplatz, könnte ich dir ein bisschen Rampenloch abgeben.‘ Wir haben echte Verhandlungsmasse. Wir sind keine Bittsteller mehr, wir haben plötzlich echtes Gewicht in Verhandlungen.

Wir sprechen endlich auf Augenhöhe mit den beiden Privatbesitzern, wird der Stadtentwickler weiter gedacht haben. Und wir haben ein Instrument in der Hand, das wir in den Verhandlungen auf vielfältige Weise als Hebel einsetzen können.

Das war der entscheidende Grund für den Zwischenerwerb der Grundstücke am Rampenloch.

Nicht ihre historische Bedeutung. Nicht ihr Potenzial für das Profil der Stadt. Nicht das einzigartige Narrativ. Nichts von alledem, was die Besonderheiten des Rampenlochs ausmacht. Das war alles nur Beifang: eher lästig.

Sie hatten nicht das Rampenloch mit seiner Historie im Auge. Sie hatten nur seine Funktion als Verhandlungshebel im Auge. Die Geschichte? Das Potenzial? Die Chance für Minden? Kollateralschaden. Bedauerlich – aber leider nicht zu ändern. Und auch gar nicht persönlich gemeint, liebes Rampenloch! Sorry, hat jetzt gar nichts mit dir direkt zu tun …

Zur falschen Zeit am falschen Ort – das hätte jeden treffen können. Zufälligerweise hat’s eben das Rampenloch erwischt

Denn für die Stadt hätte es auch jedes andere Areal sein können – wenn es die gleiche strategische Aufgabe erfüllt hätte. Wenn es die gleiche Verhandlungsmasse im Gespräch mit den beiden Parkplatz-Besitzern geboten hätte. Und wenn es denn überhaupt irgendein anderes Areal auf dem Markt gegeben hätte. Gab’s aber nicht.

So traf es eher zufällig das schutzlose Rampenloch.

Einfach, weil es gerade greifbar war: zur falschen Zeit am falschen Ort. Shit happens. Sonst würde jetzt irgendwo anders gesichtsloses, geschichtsloses Familienwohnen entstehen.

Dass sich die Stadt Minden heute überhaupt gezwungen sieht, so etwas wie „Historisches“ bei der Beplanung des Rampenlochs zu erwähnen, ist vor allem der Denkmalschutzbehörde zu danken und dem vehementen Protest vieler Mindener Bürger – auch hier in den häufig sehr expliziten Beiträgen auf der Quartierplaner-Webseite.

Verwaltung und Politik (quer durch alle Parteien) haben sich in dieser Sache jedenfalls nicht mit Ruhm bekleckert.

Armes Rampenloch. Die dich erworben haben, geben sich als Freunde aus. Aber sie interessieren sich nicht wirklich für dich. Sie benutzen dich nur.

Sie missbrauchen dich als Faustpfand im Verhandlungspoker. Sie erniedrigen dich zur Manövriermasse beim Rumkungeln mit zwei unwilligen Besitzern hässlicher Baulücken.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Ironie des Schicksals: Jetzt braucht das Rampenloch Einfluss und Schutz gegen seinen aktuellen Eigentümer

Ironie des Schicksals: So wie die Stadt die beiden Parkbrachen-Besitzer zu beeinflussen versucht, damit nicht noch mehr kaputtgeht in der Oberen Altstadt, genauso müssen Mindens Bürger jetzt Einfluss nehmen auf den momentanen Rampenloch-Besitzer, damit der nicht ebenfalls noch mehr Schaden im Herzstück des Quartiers anrichtet.

Zum Glück müssen Bürger dafür nicht bitten, betteln, beten und auch nicht extra Grundstücke als Verhandlungshebel erwerben. Sie haben ganz andere Instrumente zur Verfügung.

Sie können bei der Kommunalwahl 2020 ganz einfach die Politiker in Amt und Würden wählen, die das beste Konzept zum Schutz des Rampenlochs haben.

Edgar Wilkening

"Andere sehen das anders. Aber der Weg ist immer nur der Weg. Das Ziel ist das Ziel. Alles andere ist Murks."

Vielfach ausgezeichneter Strategieentwickler und Kampagnenberater.

Vertritt vehement die Auffassung, dass sich in keiner anderen Projektphase so viel Ressourcen sparen und so viel Potenzial heben lässt wie in der Konzept- und Planungsphase – vorausgesetzt, man unterlässt die weit verbreiteten Stammtisch- und Kaffeekränzchen-Fehler.